Installation: Dies alles, Herzchen, hat einmal uns gehört
Die eigens für den Ausstellungsraum konzipierte Installation "Dies alles, Herzchen, hat einmal uns gehört" wird bis zum 01. November zu sehen sein.
Wiebke Grösch und Frank Metzger, die seit über zehn Jahren gemeinsam arbeiten, beschäftigen sich vorwiegend mit dem Themenkomplex des öffentlichen Raums und dessen Verständnis im Zeichen seiner dynamischen Neubestimmung. Überwachung, Privatisierung und der Einsatz urbanistischer Utopien als Mittel der Durchsetzung neuer städtebaulicher Konglomerate werden in ihren Installationen und dokumentarischen Arbeiten kritisch befragt. Ihre oft im Charakter einer Recherche konzipierten und strukturierten Arbeiten verdeutlichen die Veränderungen, die sich durch gesellschaftliche und historische Ereignisse im öffentlichen Raum niederschlagen.
Als konstituierendes Merkmal ihrer Arbeiten erscheint eine formal höchst vielfältige Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung, worin sich eine intensive Bezugnahme zwischen Reflexionsprozessen des Einzelnen und allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen offenbart.
Die Ausstellung ‚Dies alles, Herzchen, hat einmal uns gehört‘ sowie die analog betitelte Installation in Raum 1 der Ausstellung beziehen sich auf eine von Paul Maenz im Jahr 1967 in der Galerie Dorothea Loehr in Frankfurt organisierte Gruppenausstellung mit vornehmlich prozessualen Arbeiten, etwa von Charlotte Posenenske, Peter Roehr, Jan Dibbets, Richard Long und Konrad Lueg. Der ursprüngliche Titel der Ausstellung ‚Dies alles, Herzchen, wird einmal Dir gehören‘ wurde von den beiden KünstlerInnen abgewandelt, um die vielfältigen inhaltlichen Bezugspunkte zwischen ihrer Installation selbst, dem inhaltlichen Thema und den teilnehmenden KünstlerInnen der Galerieausstellung von 1967 und auch zu einem regional verorteten Kontext ihres generellen Arbeitens aufscheinen zu lassen.
Dies alles, Herzchen, hat einmal uns gehört
(Feuerverzinktes Stahlblech, getrocknete Disteln, Rolltreppenhandläufe, S/W-Laserdruck mit Sprayfarbe), 2008
Explizit beziehen sich Grösch und Metzger mit der Installation auf die Arbeiten von Charlotte Posenenske, die zu der Ausstellung von 1967 grundlegende Beiträge lieferte. Nachdem Posenenskes Werk einige Jahre kaum Beachtung erfahren hatte, werden ihre Werke und ihre radikal an sozialen und partizipatorischen Prozessen orientierten Arbeiten heute von einer jungen KünstlerInnen-Generation wieder vielfältig rezipiert. Die Vielschichtigkeit der Arbeiten Posenenskes, die sich auf den urbanen Raum, Architektur und die Potentiale von Kunst als sozialer Praxis beziehen, ist ebenfalls ein zentrales Handlungsmotiv von Wiebke Gröschs und Frank Metzgers Kunst. Die aus gefaltetem Stahlblech konzipierten Objekte im Raum verweisen formal auf Arbeiten Posenenskes, konkret auf die Vierkantrohre der ‚Serie DW‘ von 1967, welche von der Künstlerin selbst und auch posthum immer wieder im öffentlichen Raum präsentiert wurden, beispielsweise in der Hallenarchitektur des Frankfurter Hauptbahnhofs.
Darüber hinaus verweisen die Objekte auf eine heute im Stadtbild - und in besonderem Maße des Frankfurter Hauptbahnhofs - präsente Form des Schutzes nicht in Betrieb befindlicher Rolltreppen. Diese Abdeckungen, die gegen Vandalismus schützen sollen, erinnern formal an minimalistische Objekte und versinnbildlichen für die KünstlerInnen zugleich die raumgreifenden Veränderungen im öffentlichen Raum, für den die Hauptbahnhöfe in Deutschland über Jahrzehnte angesehen wurden. Die urbanen Verschiebungen, die an Bahnhöfen in vielen deutschen Städten in den letzten Jahren Raum gegriffen haben, verdeutlichen exemplarisch die radikalen Veränderungen im Verständnis des öffentlichen Raums. Definierte sich der Bahnhof seit dem 19. Jahrhundert als Ort der Begegnung, des Reisens und als Eingangstor zur Stadt, werden Bahnhöfe heute zumeist als Orte einer prekären Sicherheitslage wahrgenommen, wogegen mit der Überwachung der Verkehrsbewegungen und der Exklusion bestimmter Nutzergruppen reagiert wurde, um marktgerechte Präsentationsformen des Gebäudes und der angeschlossenen Nutzungsfunktionen zu gewährleisten.
Im Gegensatz zur Präsentation von Charlotte Posenenskes Arbeiten 1989 im Frankfurter Hauptbahnhof, die sich als Objekte im Raum behaupten konnten, wirken die Objekte von Grösch und Metzger eher fragmentarisch und instabil. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Anreicherung der Installation mit bis zu 2,50 Meter hohen getrockneten Silberdisteln. Die skulptural gewendeten Handläufe von Rolltreppen, die an Robert Morris’ Wandobjekte aus Filz der späten 1960er Jahre denken lassen und in weichen Schwüngen vor den Wänden funktionslos von der Decke hängen, verweisen erneut auf die Entwertung des öffentlichen Raumes, ohne jedoch explizit als dokumentarische Kritik dieser Veränderungen aufzutreten.
Im Zusammenspiel der heterogenen Elemente der Installation, die bewusst auf den spannungsreichen Materialkontrast der Pflanzen, der maschinell gefertigten Stahlbleche und dem Hartgummi der Handläufe eingeht, eröffnet sich eine metaphorische Lesbarkeit auf Phänomene des aktuellen öffentlichen Raumes, der durch Abgrenzungen, Brachflächen, Ausschließungen und Verfall gekennzeichnet ist. Auch mit dem Titel der Installation ‚Dies alles, Herzchen, hat einmal uns gehört‘ verweisen Grösch und Metzger auf eine für ihr Werk innovative Art und Weise auf den zunehmenden Verlust von öffentlichen Raum oder dessen Funktion. Zugleich kann der Titel aber auch als Aufforderung der Wiederaneignung und kritischen Auseinandersetzung mit der weitgreifenden Veränderung des öffentlichen Raums gelesen werden.
Durch die vielfältigen kunsthistorischen Bezüge eröffnet die Arbeit ein weiteres Interpretationsfeld gegenüber den jungen reflexiven künstlerischen Tendenzen und deren Annäherung an historische Positionen einer kritischen Kunstproduktion seit den 1960er Jahren. Beendete Charlotte Posenenske ihre künstlerischen Laufbahn bereits 1968 aus dem Misstrauen heraus, bildende Kunst könne keine handlungsrelevante Wirkung entfalten, so verdeutlichen die Arbeiten von Wiebke Grösch und Frank Metzger das Potential der Kunst, zumindest auf diskursiver Ebene immer wieder virulente Fragestellungen gesellschaftlicher Prozesse zu thematisieren. Ohne in Abrede zu stellen, dass Kunst keine unmittelbare gesellschaftsverändernde Instanz darstellt, optieren die beiden KünstlerInnen entschieden für das Potential der Kunst, als eines von vielfältigen gesellschaftlichen Systemen durch seine bedeutungsoffene Wirkung als Medium der kritischen Auseinandersetzung zu dienen. Innovative künstlerische Positionen müssen sich im ästhetischen Erfahren ihrer konkreten Präsentationsformen immer bewusst sein, um darüber hinaus auch einen Blick auf die Verortung der Kunst im sozialen und politischen Gefüge unserer Zeit anzubieten. Heute, da politische Prozesse ebenso komplex verlaufen wie wirtschaftliche oder soziale, erscheint es als Alleinstellungsmerkmal der Kunst, als reflexive Instanz Fragen an unsere Lebenswelt zu stellen, die keinem hermetisch agierenden Diskurs unterstellt sind, sondern sich diskursoffen positionieren.
Öffnungszeiten
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